Presse-Mitteilung Juni 2006


Welche Medikamente sind am besten geeignet?

An der Medizinischen Universitätsklinik Heidelberg wurden neue wissenschaftlich fundierte und praxisnahe Therapieempfehlungen für Antibiotika in der Schwangerschaft und Stillzeit entwickelt.

Welche Medikamente sind für schwangere und stillende Frauen am ehesten geeignet? Wie hoch sind die Risiken im Vergleich zum Nutzen? Die Abteilung Klinische Pharmakologie und Pharmakoepidemiologie der Medizinischen Universitätsklinik Heidelberg hat am Beispiel von Antibiotika eine neue differenzierte Risikobewertung mit acht Kategorien entwickelt, die dem Arzt konkrete Handlungsempfehlungen bei der Verschreibung von Medikamenten für Schwangere und stillende Mütter gibt. Dadurch sollen unerwünschte Arzneimittelwirkungen gezielter vermieden und Risiken für das ungeborene Kind minimiert werden. Die wissenschaftliche Arbeit wurde jetzt in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift veröffentlicht. (2006;131:1016-22).

Die Heidelberger Wissenschaftler unter der Federführung von Professor Dr. Walter E. Haefeli haben Studien, klinische Erfahrungen und Fachinformationen von Antibiotika bezüglich deren Einnahme in der Schwangerschaft und Stillzeit ausgewertet. Ausgangspunkt dieser umfangreichen Analyse war eine Anfrage der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie, die in ihre Behandlungs-Leitlinien zur Vorbeugung und Therapie von Herzklappen-Entzündungen (Endokarditis) in der Schwangerschaft und Stillzeit entsprechende Empfehlungen aufnehmen möchte. Durch sachgerechte Einnahme von Antibiotika kann ein chronisches Herzleiden verhindert werden.


Viele Informationen, aber bislang keine praxisnahe Bewertung

Bestimmte Medikamente können - je nach Schwangerschaftsabschnitt, in dem sie eingenommen wurden - zu schweren lebenslangen gesundheitlichen Störungen des Kindes führen. Prominentes Beispiel ist die Katastrophe mit Contergan in den sechziger Jahren. Ärzte müssen in diesen kritischen Phasen Nutzen und Risiken von Arzneimitteln besonders sorgsam abwägen und benötigen dafür zuverlässige Informationen. Problematisch ist allerdings nicht nur der punktuelle Mangel, sondern auch die Fülle an Informationen, die eine individuelle Therapieentscheidung erschwert. Zusammenfassende Bewertungen liegen zwar bereits vor - aber diese hatten erhebliche Einschränkungen, u.a. wenig Praxisnähe. "Bislang wurden Arzneistoffe häufig in Gruppen bewertet, obwohl sich einzelne Substanzen in ihrem Profil deutlich unterscheiden; daher ist das bisherigen Vorgehen unzureichend", erklärt Professor Haefeli. Auch die Richtlinien der nationalen Arzneimittelbehörde der USA, der "Food and Drug Administration" (FDA), sind nicht ausreichend: Sie sehen keine unterschiedliche Bewertung in den verschiedenen Schwangerschaftsabschnitten vor. Die europäischen Arzneimittelbehörden wenden bisher überhaupt keine systematische Risikoklassifizierung an.

Die neuen Erkenntnisse der Heidelberger Wissenschaftler sollen Eingang in eine deutschlandweite Leitlinie von Herzspezialisten finden. In Kürze stehen sie zudem allen Ärzten des Universitätsklinikums Heidelberg in AiDKlinik, dem elektronischen Arzneimittelinformationssystem, zur Verfügung. Damit ist man am Universitätsklinikum Heidelberg in den Bestrebungen zur maßgeschneiderten Therapie zum Wohle des Patienten wieder einen Schritt weiter.

Quelle: Bertsche T, Haas M, Oberwittler H, Haefeli WE, Walter-Sack I: Arzneimittel in Schwangerschaft und Stillzeit. Neue Risikokategorien - dargestellt am Beispiel von Antibiotika. Deutschen Medizinischen Wochenschrift (2006;131:1016-22).


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